Bilanzpolitik

Rubrik: Finanzen und Betriebswirtschaft
Ausgabe: Nov. 2021

Bilanzen werden gestaltet. Das ist durchaus legitim, wenn dies im vorgegebenen Rahmen der Legalität gemäß der zur Verfügung gestellten Wertbereiche und Wahlrechte geschieht. Somit können wir auf die Kennzahlenanalyse Einfluss nehmen. Sicher gibt es von der Vielzahl der ordentlich erstellten ausgehend, auch gefälschte Bilanzen.

Bilanzpolitik per se ist durchaus legitim. Aber wie kommen wir drauf? Was ist der Unterschied zwischen Bilanzpolitik und Bilanzfälschung?

Begriffsdefinitionen

Erkennen der Bilanzpolitik

Bevor ein Jahresabschluss oder eine Bilanz zahlenmäßig analysiert wird, müssen wir uns die Frage stellen, welches Bild der Bilanzaufsteller darstellen will.

Das ist von vielen Faktoren abhängig: von seinen Zielen, von seiner möglichen Situation und von den Möglichkeiten der Bilanzgestaltung, schlussendlich von der Branche und dem typischen Bilanzbild dieser Branche.

Daraus ergibt sich folgende Checkliste zur Erkennung der Bilanzpolitik:

Je nachdem, wie das grundsätzliche Bilanzbild aussieht, welche Positionen es umfasst, bestehen Gestaltungsmöglichkeiten.

Vergleichen wir einen Bauunternehmer mit einem Gastronomieunternehmer:
In einem Gastronomieunternehmen werden in der Regel keine allzu hohen Forderungen vorliegen. Die Gäste zahlen grundsätzlich bar. Das Warenlager wird nicht allzu hoch sein und nicht wirklich Wertschwankungen unterliegen. Es gibt keine halbfertigen Arbeiten, keine unfertigen Erzeugnisse und auf der Passiv-Seite wird es in der Regel keine Rückstellung geben, außer den gängigen Rückstellungen (Abfertigung, Steuer etc). Solche für Schadensfälle oder Rückstellungen aus drohenden Verlusten kommen eher selten oder gar nicht vor.

All das finden wir bei einem klassischen Bauunternehmen. Das heißt, dass der Gestaltungsspielraum größer ist, als bei einem Unternehmen, in dem fast alles bar abgewickelt wird und weniger Bewertungsspielräume vorhanden sind.

Am konkreten Beispiel eines Bauunternehmers sehen Sie eine mögliche Checkliste für den Zugang zum Lesen der Bilanz und zur ersten Analyse. Dies lediglich deshalb, weil sich eben beim Jahresabschluss einer Bauunternehmung eine Vielzahl von Bilanzpositionen zur „Gestaltung“ finden lassen – was keinen Generalverdacht begründen oder ausdrücken soll:
Je nach Darstellungsziel wird an den möglichen „Schrauben gedreht“. Wenn die Situation schlecht ist, das Eigenkapital negativ oder eben eine schwarze Null dargestellt oder gezeigt werden soll, sind wir wieder beim Grundprinzip. Es wird versucht werden, die Aktivposten, dh die Vermögenswerte „hochzuschrauben“ oder zu belassen und die Passivposten „zurückzudrehen“. Diese Maßnahmen haben ihre entsprechende Auswirkung in der Gewinn- und Verlustrechnung. Es wird jemand, der eine Bilanz „verbessern“ will, Vermögenswerte nach oben schrauben und die Verbindlichkeiten entsprechend verringern.

Am Beispiel unseres Bauunternehmers gehen wir den Jahresabschluss durch und finden die Positionen, die „verbesserungsanfällig“ sind. Das sind:

Ein Bauunternehmer, der sich besser darstellen will, als es der Wirklichkeit entspricht, wird folgende Bilanzpositionen verändern:

Wie schon oben ausgeführt, wirkt sich die einzelne Maßnahme umgekehrt im anderen Jahr aus (Janusgesicht der Bilanz).

Kontrollmaßnahmen dazu können etwa folgende sein:

Im Zusammenhang mit den Unternehmenszielen stellt sich immer die Frage, was das Hauptziel des Unternehmens ist. Zu beachten in diesem Zusammenhang ist, dass sich manche Ziele widersprechen. Der Ausweis eines hohen Gewinns ist nicht möglich, wenn als weiteres Ziel die Reduktion der Steuerbelastung formuliert wurde. Eine hohe Ausschüttung an die Gesellschafter steht bspw im Konflikt mit Vorhaben, die es zum Ziel haben, Gelder möglichst im Unternehmen zu binden.

Zusammenfassung:

Um eine Bilanzanalyse zu erstellen, ist grundlegend zu klären, welche Ziele der Bilanzaufsteller verfolgt hat. Dies ist von vielen Faktoren abhängig – zB branchenspezifischen Faktoren, unternehmensspezifischen Faktoren etc.
Wesentlich beim Lesen und Interpretieren der Zahlen ist immer die Frage: „Wer hat den Jahresabschluss erstellt? Welches Ziel hat der Bilanzaufsteller dabei verfolgt?“

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